Esmeralda García S.L.

Über den Umgang mit einem historischen Erbe...

Garcia

Nur sehr selten ist Unwissenheit von Vorteil. Und hier haben wir einen dieser seltenen Fälle – let’s talk about … Verdejo! Sie kennen Verdejo? Dann vergessen Sie ganz schnell alles, was Sie bis dato darüber wussten! Zwischen den am Markt allzu häufig anzutreffenden lendenlahmen, dünnlichen „Verdejo-Sommerweinen“ oder der mit Sauvignon-Blanc-Zugabe und/oder furiosem Holzeinsatz „aufgemaschelten“ Variante aus der Appellation Rueda und Esmeralda Garcías Interpretation, die sie als simplen Landwein deklariert, liegen nicht nur Welten, sondern ganze Galaxien. Und trotzdem muss sie in ihrem Heimatort nur über die Straße gehen, um anzuecken – das Unverständnis ihrer Winzerkollegen ist ihr gewiss …

In Santiuste de San Juan Bautista, ein Ort mit gerade einmal 500 Seelen, nordwestlich der Provinzhauptstadt Segovia gelegen, offenbaren sich auf engem Terrain verschiedenste „Weinweltanschauungen“ – Esmeralda kennt die Extreme und vieles von dem, was dazwischen liegt. Sie wird in Segovia geboren, wächst in besagtem Santiuste im Kreise der Großfamilie auf. Mir ihren ersten Schritten beginnen die Entdeckungstouren in die bald immer vertrautere Umgebung, möglicherweise das „Samenkorn“ im kindlichen Unterbewusstsein, aus dem das spätere immens wichtige Verstehen und Begreifen des Terroirs erwächst. Mit Freunden spielt sie nicht selten von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang in den angrenzenden Pinienwäldern, ihr Großvater Boni bringt ihr das Fahrradfahren inmitten der Lage „Carrascal“ bei, eine jener Lagen, die sie heute selbst bewirtschaftet. Ihr Großvater ist es auch, der Esmeralda früh den besonderen Wert der Lage „Las Miñañas“ vermittelt. Heute ist das Esmeraldas „Grand Cru“, das Alpha zum Omega ihres sicherlich elegantesten und komplexesten Weins.

Großvater Boni war denn auch der wichtigste Mentor seiner Enkelin, früh erkannte er Esmeraldas Feingefühl im Umgang mit den Reben. Der abuelo hütete seinen Reben wie einen ganz besonderen Schatz, nur wenige Personen durften überhaupt Hand an die Stöcke legen. Als die kleine Esmeralda das erste Mal beim Rebschnitt mithelfen durfte, konnte es ihre Großmama kaum glauben – und so schien Esmeraldas Weg schon sehr früh vorgezeichnet. Sie ließ sich zunächst zur Analysetechnikerin (Fachgebiet Mikrobiologie) ausbilden, um sich dann auf Önologie und Weinbau sowie Lebensmittelqualität und -sicherheit zu spezialisieren. Im Anschluss sammelte sie erste Erfahrungen bei diversen Weingütern auf der iberischen Halbinsel, errang 2012 en passant die wichtigste Sommelier-Trophäe Spaniens (in der Kategorie „Amateure“), La Nariz de Oro („die goldene Nase“) und übernahm im folgenden Jahr die Weinberge ihres Großvaters.

„Freie, transparente und unbeschwerte Weine“ möchte Esmeralda hier machen, so frei und unbeschwert wie ihre eigene gelebte und geliebte Kindheit. Ihr Faustpfand sind 5,5 Hektar uralte wurzelechte Reben, das Erbe ihrer Familie. Die jüngsten ihrer Stöcke sind inzwischen schon 130 Jahre, die ältesten Reben sogar bis zu 220 Jahre alt und wurzeln tief im Kalksandstein. Das Klima südlich des Duero ist im besten Sinne „kernig“. Die Weinberge befinden sich auf 800 bis 890 Metern Höhe und trotzen allen Widrigkeiten nach Kräften. Ein Sommer ist hier kurz, dafür aber umso heißer. Der Winter hingegen kann sich durchaus hinziehen, in aller Regel ist er unangenehm kalt. An solchen Wintertagen sinkt die Quecksilbersäule des Thermometers gerne einmal auf -12°C, vereinzelt werden aber auch Maximalwerte von bis zu 10°C erreicht. Die Niederschläge konzentrieren sich auf Frühjahr und Winter, haben aber, was die Menge betrifft, tendenziell ziemlich abgenommen. Waren es in der Vergangenheit jährlich noch 600 mm Regen, muss der Weinbauer heute mit schmalen 400 mm Niederschlag vorliebnehmen. Was den alten Reben allerdings nichts bzw. nicht sonderlich viel auszumachen scheint, da sie diesen Trockenstress aufgrund der zum Teil beträchtlichen Länge ihrer Wurzeln geradezu meisterhaft managen. Aber auch im Sommer sind die in typischer Buscherziehung mit Kopfschnitt kultivierten Verdejo-Stöcke besonders gefordert. Die Tagestemperaturen liegen dann meist zwischen 35 und 40 °C, die Nachttemperaturen etwa 20 °C darunter. Paradoxerweise fördert diese gewaltige Temperaturamplitude eine maßvolle Reife und damit natürlich auch die Balance von Alkohol und Säure im Wein.

Das harte Klima im Zentrum von Spaniens meseta fordert allerdings auch seinen Tribut. In besonders guten Jahren (hier von „fett“ zu sprechen verbietet sich alleine schon aufgrund der kargen, herben Schönheit der Landschaft) werfen manche von Esmeraldas Parzellen schon einmal bis zu 3.000 Kilogramm pro Hektar ab – die freundlichen Nachbarn fahren dann ganz locker die im Drahtrahmen erlaubten 10.000 Kilogramm pro Hektar ein (gerne auch ein wenig mehr, wenn die Kontrolleure einmal nicht hinschauen). Meist muss sie sich aber mit deutlich weniger zufriedengeben, 1.500 Kilogramm sind überhaupt keine Seltenheit. Neben Klima und uraltem Rebmaterial ist natürlich Esmeraldas Arbeit ausschlaggebend für die moderaten Erträge. Im Weinberg kommen weder Herbizide, Pestizide noch Fungizide zum Einsatz, es wird nicht bewässert, und synthetische Dünger sind absolut tabu. Sie setzt auf naturnahe, vorausschauende, vorsichtig lenkende Arbeit – so wie schon Generationen vor ihr, lange vor den vermeintlichen Wohltaten des technischen Fortschritts und der damit einhergehenden „Aufrüstung“.

Diese „Aufrüstung“ ist das das Ergebnis eines (zumindest für spanische Verhältnisse) modernen „Weinmärchens“. „Rueda ist ein Phänomen.“ schreibt das Autorentrio Schwarzwälder/Hubert/Matthäs („Spanien und seine Weine. Von Klassik bis Avantgarde“) und „Heute muss die Appellation als eines der rentabelsten Weingebiete der Iberischen halbinsel bezeichnet werden – und den bemerkenswerten Erfolg verantwortet eine weiße und nicht etwa eine rote Sorte.“: Verdejo!

Verdejo, die fünftmeistangebaute Rebsorte Spaniens, „the pride and joy of the Rueda DO“ (so Jancis Robinson in ihrem Monumentalwerk „Wine Grapes: A Complete Guide to 1,368 Vine Varieties“) ist auch Esmeralda Garcías liebste Rebsorte, „die beste Weißweintraube auf der ganzen Welt – zumindest für mich …“, die sich wie die „Albino-Variante einer eigentlich roten Sorte“ verhält, stellt zusammen mit Albariño und Moscatel de Alejandría die vermutlich ältesten Rebstöcke auf spanischem Boden. Und doch war diese Sorte mehr oder weniger in Vergessenheit geraten bis …, ja bis ein Herr aus Frankreich einen bemerkenswerten Zufallsfund am Straßenrand machte. In den 1960er-Jahren bereiste Önologen-Legende Émile Peynaud im Auftrag der Bodega Marqués de Riscal Spanien auf der Suche nach einem Pendant zum französischen Sauvignon Blanc. Seine Reise schien allerdings erfolglos, nach endlos vielen Kilometern und entsprechend entmutigt, befand sich unser Forschungsreisender eigentlich schon wieder auf dem Weg gen Heimat, als er in der Nähe des historisch bedeutenden Städtchens Tordesillas beim Austreten am Wegesrand die heutige Appellation Rueda neu erfand! Ursprünglich wollte sich Peynaud nur rasch „erleichtern“, geriet dabei zufälligerweise in eine mit Verdejo bestockte Parzelle: Jackpot – und der Rest ist Geschichte! Monsieur Émile hatte gefunden, wonach er so lange vergeblich gesucht hatte. Und die spanische Weinbaukarte war (offiziell dann 1980) um eine bis heute ungeheuer produktive Appellation reicher. Ab 1970 produzierte Marqués de Riscal den ersten modernen Verdejo: selektive Lese, kurze Transportwege und Einsatz modernster Kellertechniken wie etwa eine temperaturgesteuerte Gärung im Edelstahltank wurden hier zum Patentrezept. Viele Kellereien folgten diesem Prinzip – und Rueda boomte. Aber natürlich haben auch andere an der Geschichte dieser Region geschrieben: Lange bevor Émile Peynaud „sein“ Rueda entdeckte, kultivierten man dort auf ganz eigene Weise Grund und Boden. Ihre Blütezeit erlebten die Weine aus der tierra de Medina (das Städtchen Rueda spielte damals, weder politisch noch ökonomisch, eine herausragende Rolle, in namengebender Hinsicht selbstredend auch nicht!) im 15. und 16. Jahrhundert, danach wandten sich in- und ausländische Weinliebhaber anderen Gefilden zu. Im 19. Jahrhundert versuchte man sich dann in der Erzeugung zum Teil oxidativer Weine aus Palomino- und Verdejo-Trauben im Sherry-Stil (heute als „Rueda Dorado“ bzw. „Rueda Pálido“ wieder zunehmend beliebt!), die allerdings auch damals eher ein Nische besetzten. Im Vergleich zu den edelstahlblitzende Gründerjahren der D. O. hätten Herangehensweise und Resultat kaum gegensätzlicher ausfallen können. Aber dieses „Damals“ ist besitzt eben auch heute noch Gültigkeit: Präphylloxera-Reben!
 
Deutlich „spartanischer“ hingegen die Vorgehensweise in Esmeralda Garcías Keller. Konsequenterweise verzichtet sie auch hier auf ein Übermaß an Technik und selbstverständlich auch jegliche Additive, jene Zusatzstoffe, über die die wenigsten Winzer gerne sprechen. Es bedarf nur der natürlichen Hefen zur Gärung, die Weine durchlaufen je nach Parzelle und Charakter einen Ausbau in Edelstahl, Amphore, bota (das typische, 500- bis 600-Liter-Sherryfass) oder cuarta (kleines Sherryfass), werden weder gefiltert noch geschwefelt. Raw, natural, hip und trendy könnte man jetzt einwerfen. Allerdings ist Esmeralda Garcías Schaffen das Gegenteil von modisch oder gar zeitgeistig. Seit 20 Jahren ist die noch immer unglaublich jugendlich wirkende Winzerin im Business, sehr bewusst hat sie sich für diesen mühseligen, wunderschönen Weg des Weinmachens entschieden. Auch schwierige Jahrgänge, ja selbst ein Arbeitsunfall haben sie in ihrer Haltung nicht erschüttert. Während der Lese 2018 verlor sie fast ihre rechte Hand, glücklicherweise haben mehrere Operationen und ein straffes Reha-Programm das Schlimmste verhindert. Und so wirkt Sie, wirken ihre Weine gefestigter denn je. Esmeralda ist Teil dieser einzigartigen Landschaft, im besten Sinne demütig, sehr bewusst und sehr verantwortungsvoll im Umgang mit ihrem historischen Erbe, den über 200-jährigen Reben die ihre Familie schon über Generationen begleiten.

Ein Plädoyer für authentische Weine mit Terroirbezug von Spaniens bekanntestem Weinkritiker Luis Gutiérrez (Robert Parker’s WINE ADVOCATE) liest sich wie Esmeralda Garcías Agenda und führt uns vor Augen, was (gerade ihre) Weine wirklich besonders macht: „Es bedeutet, dass es notwendig ist, das zu schätzen was wir haben, unsere Traditionen, Regionen, Trauben usw. Es bedeutet, die Weine von den jüngsten Exzessen zu befreien und zur Essenz der Orte zurückzukehren, um diese Traditionen, Regionen und Rebsorten wiederherzustellen. Oft ist es nicht notwendig das Rad neu zu erfinden.“

 

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