Saarwellingen, im November 2007

Wein - Highlight


Azienda Agricola Nello Baricci – Montalcino

Brunello: Toskanischer Grand Cru in herrlich traditionellem Stil von höchster burgundischer Finesse

Meine diesjährigen Verkostungsreise durch den italienischen Stiefel liegt schon ein paar Monate zurück. Wochen danach, beim Schreiben dieser Zeilen, öffne ich einen Wein, der mir in all der Zeit nicht mehr aus dem Sinn gegangen ist. Während ich an ihm rieche und ihn danach wohlig auf der Zunge verspüre, sehe ich vor meinem geistigen Auge das traumhafte Städtchen Montalcino in der milden Abendsonne weithin sichtbar auf seinem in fahles Licht getauchten Berghügel leuchten. Gänsehautatmosphäre! Ist es nicht Terroircharakter in seiner schönsten Form, wenn ein Wein uns so deutlich an seinen Ursprung erinnert und den Durst der Seele stillt? Warum nur, um alles in der Welt, schmecken dann so viele Brunelli als (durchaus hochwertige, aber dennoch) austauschbare Kopien eines internationalen Weinstils, der in Barrique-Langeweile zu ersticken droht? Zahlreiche, bis vor wenigen Jahren noch traditionell arbeitende Brunello-Winzer, finden immer mehr Geschmack an Röstaromen und Holztanninen, während gleichzeitig die kundige Kundschaft zunehmend ihre Barrique-Abneigung in Kaufverweigerung äußert. Ich jedenfalls fühle mich in guter Gesellschaft mit echten Weinliebhabern und Toskana-Freaks, die das „altmodische” Bedürfnis nach typischen, von jeglichen Fremdaromen verschonten, dafür trinkanimierenden, authentischen Terroir-Weinen verspüren. Und mein Fernweh nach Montalcino wird erheblich getrübt, wenn der zu Hause verkostete Brunello nicht nach Brunello schmeckt!

Und dafür gibt es keinen einleuchtenden Grund, denn die besten Parzellen des Anbaugebietes von Montalcino verfügen über ein phantastisches Terroirpotential. „Der Sangiovese ergibt dort authentische Weine, die tatsächlich unvergleichlich sind und dem Brunello den Ruf eines der großen Weine der Welt eintragen. Wenn nun Produzenten solcher Lagen ihre Weine mit moderner Önologie so verfremden, dass man beim besten Willen nicht mehr auf ihre Herkunft schließen kann, dann ist das ein Kulturfrevel. Diese Verfremdung des Weins ist umso dümmer, als Weine aus Spitzenlagen dadurch nicht mehr von Weinen aus den heißen Plantagen im Süden des Hügels zu unterscheiden sind. Es soll mir mal einer erklären, warum ein Brunello, der gleich schmeckt wie eine Maremma-Cuvée oder ein Wein aus den Abruzzen oder aus Kampanien, seinen Preis wert sein soll!” So das zornige, aber meinen geschmacklichen Vorlieben nach absolut zutreffende Urteil von Andreas März, streitbarer Chefredakteur von MERUM, einer unbedingt empfehlenswerten Zeitschrift, die sich vehement für unverfälschte Olivenöle und authentische Weine Italiens engagiert.

Und von einem originären, unverfälschten Terroirwein aus Montalcino will ich Ihnen jetzt erzählen. Kurz vor meiner letzten Reise in die Toscana griff ich am Abend vor der Abreise noch einmal schnell zum Telefonhörer, rief einige gute Freunde, allesamt exzellente Kenner der italienischen Weinszene an und bat um „Insider-Tipps” jenseits der Super-Tuscans und international erfolgreichen Weltweinkopien. Auf einem kleinen Zettel neben dem Telefon notierte ich mir von jedem meiner Freunde drei oder vier Weingüter und wurde besonders hellhörig bei einem Weingut, das immer wieder genannt und mit den Stichworten „Super Preis-Genuss-Verhältnis”, „traditioneller Weinausbau”, „ausdrucksstarke Terroirweine”, „kleines Familienunternehmen” attraktiv beschrieben wurde. Was für ein Ärger, als ich am nächsten Tag kurz vor dem Gotthard-Tunnel feststellen musste, dass mein „Wein-Insider-Tipp-Zettel” immer noch zuhause neben dem Telefon lag und ich von den Notizen nicht mehr viel mehr als Wortfetzen im Gedächtnis hatte. In der Toskana angekommen, war der „Tipp-Zettel” infolge der unentwegten Weingutsbesuche und der Terminhatz auch relativ schnell wieder vergessen (ich hätte ja auch nur einmal bei einem meiner Freunde zurückrufen müssen), jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als ich in einer Enoteca in Pienza einen Wein mit sehr traditionellem Etikett und dem Namen Baricci entdeckte. Das war er! Das war der Name, der mehrfach unterstrichen auf meinem Zettel zuhause neben dem Telefon stand.

Spontan beschloss ich, auf dem Rückweg zu meinem Hotel einen Umweg über Montalcino zu machen und das viel versprechende Weingut zu besuchen. Nachdem der Tankwart am Eingang von Montalcino mir den Weg beschrieben hatte und mich ein kleines Hinweisschild zu einer Schotterstraße geleitet hatte, kam ich zu einem kleinen Gehöft auf dem im Norden des Montalcinogebietes gelegenen Montosoli-Hügels, der schon seit jeher wegen seiner Höhenlage und den starken Unterschieden zwischen warmen Tages- und relativ kühlen Nachttemperaturen als ideales Anbaugebiet burgundisch inspirierter Weine voller Eleganz und Finesse berühmt ist und bei dem ein älterer Herr in kurzen Hosen und Unterhemd gemütlich in seinem Stuhle lehnte und sehr zufrieden, so schien es, in die Welt hinaus schaute. Ich fragte ihn, ob er mir sagen könne, wo ich die Cantina Baricci finden könne. Ein warmes freundliches Lächeln erfüllte bei dieser Frage sein Gesicht und er entgegnete mir voller Stolz: „Io sono Baricci”. Und als ich schließlich fragte, ob es denn möglich sei, auch ohne Voranmeldung heute seine Weine zu verkosten, lies er mich durch ein viel sagendes Kopfnicken wissen, dass Nello Baricci (so sein vollständiger Name) sich mit offenem Herzen über jeden Besucher seines Weingutes freue, der Interesse an seinen großen, traditionsreichen Weinen mitbringe. „Aber die Proben sind eine Sache der Jüngeren,” flüsterte Nello mir zu und rief seinen Schwiegersohn Pietro, der mich dann zum kleinen, aber feinen Weinkeller geleitete. Pietro erzählte mir dann von der langen Geschichte des Traditions-Weingutes, von den 60er Jahren, als Nello Baricci mit einigen Winzern aus Montalcino das Brunello-Konsortium gründete und davon, dass von diesen Gründungsmitgliedern heute nur noch Nello Baricci lebe, von den 10 Brunello Weingütern, die es damals gab und den 250 heute existierenden Weingütern, die oftmals einen Brunello produzieren, der nach allem schmeckt, aber nur nicht nach der wunderbaren Rebsorte Sangiovese und seiner Heimat Montalcino. „Unsere Philosophie”, fährt er in Fahrt gekommen fort, „ist von Anfang an so einfach wie klar. Wir beobachten die Natur und ernten unsere Sangiovese-Trauben, wenn sie ihre optimale Reife haben. Die Gärung dauert durchschnittlich 15-18 Tage. Dann werden die Weine nach traditioneller Art, genau so wie früher, ohne irgendeines der modernen Kellermittelchen einzusetzen, in großen Fässern über 3 Jahre ausgebaut. Nach einem Jahr der Flaschenreife kommen die Weine schließlich in den Handel. Jetzt ist gerade der Brunello 2002 im Verkauf”, schließt Pietro mit einem verschmitzten Gesicht seine Ausführungen „ein Wein aus einem ‚schlechten’ Jahrgang, wie immer gesagt wird. Ein Brunello, der uns ungeheuer viel Arbeit und Tränen gekostet hat. Weniger als die Hälfte einer normalen Ernte konnten wir verwenden.” Und dann schenkt Pietro äußerst liebevoll den Brunello aus dem „Katastrophenjahr” 2002 in die Gläser.

„Katastrophen schmecken eigentlich anders”, ist meine spontane Reaktion, denn im Glas breitet sich ein wundervolles, klares Rubinrot aus und in der Nase setzt sich diese spielerische Klarheit fort. Und ganz anders als die vielen „Konzentrationsmonster” schleicht sich dieser Wein eher durch die Sinne und betört durch burgundische Finesse und Eleganz. Auch im Mund setzt sich diese feine Klarheit des Weines betörend fort und bleibt noch minutenlang am Gaumen haften, wenn das Glas schon lange geleert ist. Aus dem Augenwinkel genau beobachtend, ist es Pietro keineswegs entgangen, dass der „Katastrophen-Brunello” mich zutiefst beeindruckt hat und bei den Fassproben der Brunelli aus den Jahrgängen 2004 und 2005 wird mein Eindruck zur Gewissheit. Die extrem langlebigen Brunelli von Baricci sind große, unverwechselbare Sangiovese-Unikate. Es sind ungemein elegante Weine, die durch feinste Frucht, kraftvolle Klarheit, betörende Eleganz und ein langes Finale dem Ruhm des großen Brunello gerecht werden. Ein „Muss” für Liebhaber subtiler Genüsse, welche Kaschmir und Seide, Finesse und Eleganz mehr schätzen als vorlautes Krachen im Glase oder Holzorgien für Bibermäuler. Ein urtraditioneller Referenzwein für unbeirrt auf die Flasche umgesetzte Brunello-Authentizität!

Mit der Verkostung des Rosso di Montalcino aus dem Jahrgang 2005 findet mein Besuch einen wunderbaren Abschluss. Dieser Wein, der in internen Verkostungen in Montalcino zum besten Rosso des Jahrgangs gekürt wurde (!), besticht durch seine tolle Frucht und seine kraftvolle Konzentration. Ein Wein mit großer Struktur, gleichzeitig ungemein frisch und lebendig. Spontan beschließe ich, diesen Wein zu meinem abendlichen Absackerwein zu machen, wenn ich in meinem Hotelzimmer die täglichen Eindrücke auf den Weingütern sortiere und nehme einige Kisten mit in der Gewissheit, immer wieder großen Weingenuss erleben zu dürfen. Beim Hinausgehen treffe ich dann wieder auf Nello Baricci, ich schaue in sein immer noch sehr zufriedenes Gesicht und er schaut offen in meine Augen, welche die Ehrfurcht vor seinen großen Weinen nicht verbergen wollen. Und dann stelle ich noch eine ganz dumme Frage: „Warum sind Ihre Weine eigentlich nicht in den gängigen Weinführen bei Gambero Rosso und Robert Parker zu finden?” Er schaut mich mit seinem zufriedenen Lächeln weiter an und sagt einfach nur achselzuckend „Perché?”.

Schon während meiner Italienreise bin ich dann nochmals auf dieses so handwerklich arbeitende Traditionsgut zurückgekehrt, denn es bedurfte keinerlei Nachverkostungen zu hause mehr um zu wissen: Der Brunello von Baricci verkörpert genau die Stilistik eines Weines aus Montepulciano, den ich persönlich immer wieder trinken möchte. Ein unverfälschter Heimatwein mit Seele, unkopierbar auf der Welt, eines der immer seltener werdenden großen Weinoriginale. Genau so empfindet übrigens Andreas März von Merum, der die Baricci-Weine, die preislich gesehen eine absolute Provokation der teuren Barrique-Brunelli darstellen, auf dem Gut verkostet, danach höchst bewertet und kommentiert hat: „Toll finde ich unter anderem, dass der heutige Brunello von Baricci genau so schmeckt wie seine Brunello der frühen 80er Jahre, die mich vor 20 Jahren wiederholt nach Montalcino pilgern ließen. Gäbe es doch mehr Baricci in Italien! Nur sehr wenige italienische Winzer können sich leider damit brüsten, ihrem Stil seit 20 Jahren treu geblieben zu sein”.


640105 Baricci, Rosso di Montalcino 2005 , statt 14,80 nur 13,90 Euro
Zum besten Rosso des Jahrgangs 2005 gekürt – ein absolutes Schnäppchen!
Duftig und transparent, geschmeidig und erfrischend mineralisch zugleich: Ein traumhafter, ein fröhlicher Wein, der Leben atmet und Emotionen auslöst, weil er so rein und authentisch, so unverfälscht riecht und schmeckt, dass jedem Brunello-Liebhaber das Herz aufgeht, wenn man ihn im Glas hat. Denn die Qualität dieses fabelhaften Rosso hält bereits locker mit denen vieler hochpreisiger Brunelli mit! Das ist die echte Toskana, das ist ein authentischer Montalcino, das ist ein nobler Seelentröster von entwaffnender Natürlichkeit und Ausstrahlung. Der Rosso 2005 von Baricci ist derart lecker, dass er zu verdunsten scheint, so schnell sind die Gläser geleert! Traumhaft komplex in der Nase mit Anklängen an pralle, reife Schwarzkirschen, Rosenblätter, Nelken, Veilchen und feine Gewürze; verführerisch gleitet er über die Zunge, animierend wirken eine feine Säure und eine bemerkenswerte Mineralität im Trunk, die der Transparenz dieses herrlichen Rosso Struktur und Nervigkeit verleihen. Ein wunderbarer Rosso aus einer traumhaft schönen Landschaft, solo genossen oder als perfekter Begleiter herzhafter mediterraner Gerichte.
Zu genießen ab sofort, Höhepunkt Mitte 2008 bis 2012.


 Ankunftsofferte bis 25.11.2007