Saarwellingen, im Mai 2008

Einige Anmerkungen zum „Fabeljahrgang” 2007: Mythos oder Realität – Ist 2007 tatsächlich der beste Jahrgang in der neueren deutschen Weinbaugeschichte?

Wir erleben seit Jahren ein Sommermärchen: Was gab es in Deutschland (aber beispielsweise auch an der südlichen Rhône oder im Burgund) denn noch anderes als große Jahrgänge seit der Jahrtausendwende? 2000 war schlicht der letzte wirklich problematische Jahrgang. 2001 war überragend, 2002 groß, wenn auch nicht ganz auf dem Niveau von 2001 – aber danach konnte man die Jahrgänge nur noch mit Superlativen beschreiben. 2003 war zwar kein einfaches, da extrem heißes Jahr, aber die Spitzenwinzer an der Mosel, in Rheinhessen und an der Nahe vinifizierten Weine, die zu Recht mit den legendären 1959ern verglichen werden. Dann kam mit 2004 ein phantastisches klassisches Jahr, es gab zutiefst mineralische Weine (meine persönlichen Favoriten vor 2007) mit viel Säure und Rasse - vergleichbar vielleicht mit dem traumhaften Jahrgang 1971. 2005 erbrachte europaweit legendäre Qualitäten, während 2006 kein einfaches Jahr war, weil die Ernte in einem ganz schmalen Zeitfenster eingebracht werden musste: Daher schwankten hier je nach Winzerkunst und Glück oder Unglück bei den (heftigen oder moderaten) Regenfällen Anfang Oktober die Qualitäten zwischen Himmel und Hölle!

Und jetzt kommt der Jahrgang 2007, um den sich, kaum sind sie ersten Weine auf dem Markt und haben internationale Fachjournalisten degustiert, bereits Mythen ranken und ein unkritischer Hype entwickelt wie nie zuvor in der deutschen Weinbaugeschichte. Was ist passiert in 2007?

Auf einen sehr milden Winter folgten zwei Frühlingsmonate April (der trockenste und wärmste der letzten 200 Jahre) und Mai mit sehr warmen Temperaturen, was zu der seit Menschengedenken frühesten Traubenblüte in ganz Deutschland führte. Und dann folgte ein traumhafter Sommer – aber nur für die Reben, nicht so sehr nach dem Geschmack vieler Menschen! Was uns wieder einmal zeigt, dass die Bedürfnisse von Reben und Menschen durchaus verschieden sein können. Traumhaft für die Rebe bedeutet nämlich eine ausgewogene Mischung von Regen und Sonne und moderaten, aber nicht zu heißen Temperaturen. Dann kann die Rebe in ganz speziellem Maße – langsam und ohne jeglichen Trocken- oder Hitzestress – soviel Inhaltsstoffe (Mineralien, Extrakte, Aromen) wie nur möglich aufnehmen, die ihr die phantastischen Terroirs bieten, auf denen sie wachsen. So wechselten sich zum Ärger so manchen Urlaubers und zur Freude der Reben schöne und warme Tage speziell im August immer wieder mit kühlen und feuchten ab. Und was kam dann ein sonniger Bilderbuchherbst mit einem optimalen Lesewetter: Ein herrlicher Altweibersommer, an dem am Tage die kleinbeerigen, kerngesunden Träubchen mit der Sonne um die Wette lachten und mit tiefen Nachttemperaturen, die zu einer komplexen Aromenbildung führten wie nie zuvor! Die längste Vegetationsperiode in der Weinanbaugeschichte – wegen der um drei Wochen vorgezogenen Blüte im Frühling, der geradezu ein Sommer war – erwies sich als bisher nie da gewesenes Geschenk der Natur an die Winzer. Wenn, ja wenn sie, um es in der Fußballersprache zu verdeutlichen, diese historisch einmalige Chance nicht versemmelten und fünf Meter vor dem leeren Tor den Ball nicht am Kasten vorbei droschen. Und das haben nicht wenige Winzer getan! Warum?

Weil man selbst in einem Jahrgang wie 2007 Fehler machen konnte, ganz entscheidende sogar! Der Schlimmste: Viele Winzer ernteten schlicht viel zu früh. Sie glaubten, dass der um drei Wochen vorverlegte Blütebeginn eine sichere Ernte bereits Ende August (!) und Anfang September erlauben würde. Denn der Zuckergehalt der Trauben war bereits auf hohem Niveau; was viele Winzer aber nicht erkannten, war, dass die Säurewerte noch zu hoch lagen und die physiologische Reife infolge der langsamen Ausreifung der Trauben während des Sommers noch längst nicht eingetreten war. Man war also auch in diesem Jahr gut beraten, den Erntezeitpunkt nicht am Mostgewicht der Trauben auszurichten! Dies jedoch taten viele Winzer – sicherlich auch aus Angst, das Wetter könnte im Herbst nicht stabil bleiben und es könnte wie in 2006 wieder (heftige) Regenfälle geben, die ihre sicher geglaubte große Ernte gefährden könnten – mit einer traurigen Konsequenz: Heute präsentieren sich deren Weine dünn (insbesondere, wenn man nach der geringen Erntemenge 2006 zu viele Träubchen am Stock belassen hatte, um finanzielle Einbußen auszugleichen) und ihre hohen, unreifen Säuren attackieren die Magenwände der Verkoster! Also bitte Augen auf auch beim Weineinkauf 2007, denn nur allzu oft verbirgt sich mäßige bis mediokre Qualität hinter einem glänzenden Jahrgangsimage!

Das Fazit: 2007 belegt wieder einmal, dass pauschalisierende Jahrgangsbewertungen in Zeiten der globalen Klimaveränderung (die natürlich den nördlich gelegenen Weinanbauregionen Deutschlands in die Hände spielt, da sie Ausreifungen der Trauben ermöglicht, von denen man vor 20 Jahren mit Ausnahmen so genannter Jahrhundertjahrgänge kaum zu träumen wagte) mit ihren uns allen bekannten örtlichen wie regionalen Wetterkapriolen und -extremen ihren Sinn weitgehend verloren. Natürlich auch wegen einer Winzerelite, die so gut ausgebildet ist wie nie zuvor und die dieses Wissen in schwierigen (2006!) wie klimatisch optimalen Jahrgängen wie 2007 konsequent in ihrer Weinbergsarbeit und im Keller umsetzt und damit in der Spitze eine niemals zuvor gekannte Qualitätskontinuität geschaffen hat. So ist 2007 in Deutschland potentiell ein Fabeljahrgang, der aufgrund seiner einzigartig langen Vegetationsperiode den Winzern in einem wunderschönen Altweibersommer alle Möglichkeiten bot, extrem langsam gereifte Träubchen mit einem traumhaften Extrakt zu ernten und die größten Weine zu vinifizieren, die es je in deutschen Landen gab.

Unsere Besten haben diese historisch bisher einmalige Chance genutzt!

Greifen Sie daher entschlossen zu, werte Kunden, eine derartigen weltweiten Hype auf deutsche Weine (nach einem euphorischen Bericht Ende April in der New York Times gibt es an der Ostküste der USA praktisch keinen trockenen deutschen Riesling mehr zu kaufen!), wie wir es zurzeit erleben, hat es noch nie gegeben! Bei den Spitzenwinzern sind in 2007 schlicht alle Qualitätsparameter nach oben verschoben: Niemals zuvor habe ich so gute Weine getrunken! Die Gutsweine schmecken so gut wie in den Vorjahren die Weine aus dem Mittelbau, diese haben (fast) Großes Gewächsniveau und letztere schmecken so fabelhaft wie niemals zuvor.

Und zu verkosten, welch phantastische Qualitäten unsere Deutschen-Spitzenwinzer in 2007 auf die Flasche gebracht haben, unter optimalen Bedingungen, die sie noch nie zuvor im Weinberg hatten, dazu laden wir Sie, liebe Kunden, herzlich ein. Doch Vorsicht: Diese Degustationen könnten vinologische Weltbilder verändern!

P.S. Deutschlands Große Gewächse sind zweifellos weltweit betrachtet die größten Schnäppchen der Neuzeit mit dem besten Preis-Genuss-Verhältnis aller Weltklasseweine. Zudem schmecken sie bereits in ihrer frühesten Jugend großartig und haben ein Entwicklungspotential von 20 Jahren und mehr!