Saarwellingen, 11. April 2008

Zum Jahrgang 2007 in Deutschland

Einige persönliche Anmerkungen zum Jahrgang 2007 in Deutschland, dem bisweilen sehr unkritisch Jahrhundertqualitäten in seiner gesamten Breite angepriesen werden. Sie, werte Kunden, wissen jedoch längst: Pauschalisierende Jahrgangsbewertungen haben in Zeiten der globalen Klimaveränderung mit ihren uns allen bekannten örtlichen wie regionalen Wetterkapriolen und -extremen ihren Sinn weitgehend verloren. Aber auch wegen einer Winzerelite, die so gut ausgebildet ist wie nie zuvor und die dieses Wissen in schwierigen wie klimatisch optimalen Jahrgängen konsequent in ihrer Weinbergsarbeit und im Keller umsetzt und damit in der Spitze eine niemals zuvor gekannte Qualitätskontinuität geschaffen hat. Deutsche Spitzenwinzer beispielsweise vinifizieren im neuen Jahrtausend eine noch nie da gewesene Folge exzellenter Jahrgänge. Selbst in einem Jahr wie 2006, in dem zwar die Nahe, die Mosel und Teile Rheinhessens über privilegierte klimatische Bedingungen verfügten, die südlichen Regionen aber heftigen Regenfällen Anfang Oktober ausgesetzt waren, haben auch die dortigen Spitzenwinzer infolge ihres handwerklichen Könnens und wegen ihrer rigorosen Traubenselektion Qualitäten eingebracht, von denen man früher unter diesen Bedingungen nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Durchschnittswinzer, die jahraus, jahrein in ihrem gewohnten Trott arbeiten, brachten Weine auf den Markt, die uns, vorsichtig bewertet, nicht erfreuten. So lagen Not und Elend, Himmel und Hölle (diesen Vergleich zogen wir bereits Anfang des Jahres 2007 und lagen damit wohl nicht weit von der Wirklichkeit entfernt, denn die seriöse Fachpresse, beispielsweise der WEINWISSER, übernahmen in ihren Jahrgangsbeurteilungen genau diese Terminologie) in 2006 nahe beieinander.

 

Und jetzt wird’s spannend. Dieses Ergebnis ist auch in einem potentiellen Jahrhundertjahrgang wie 2007 nicht grundsätzlich anders! Warum denn das? Nun, weil ganz generell allzu viele Winzer das Risiko einer späten, dafür aber qualitativ hochwertigen Ernte scheuen (ebenso wie die dafür unerlässliche akribische Weinbergsarbeit im Sommer). Und im September 2007, als nach zwei Regentagen (die im Übrigen mit ihren moderaten Niederschlägen ein Segen für den Wasserhaushalt der Reben waren) panikartig die Angst vor einem nassen Herbst die Runde machte,  brachten unzählige Winzer sofort die gesamte Ernte ein, als die Sonne wieder schien und ein (natürlich so nicht vorhersehbarer) traumhafter Altweibersommer Einzug hielt. Doch Mitte September hatten die Trauben trotz der frühesten Blüte aller Zeiten noch bei weitem nicht ihre volle physiologische Reife erreicht und die für eine komplexe Aromenbildung notwendigen kühlen Nächte (die im Oktober kamen) hatte es noch nicht gegeben. Zudem hatten viele Winzer nach den geringen Erträgen in 2006 viel zu große Mengen am Stock belassen, um diesmal eine quantitativ große Ernte einzufahren. Das Resultat: Diese Winzer, und es ist leider nicht nur eine kleine Minderheit, haben die großen potentiellen Möglichkeiten des Jahrgangs 2007 (Lesen Sie hierzu bei Interesse Klaus-Peter Kellers detaillierten Jahrgangsbericht: Von Farbenrausch und Winzerglück) nicht im Geringsten ausgeschöpft. Ja, man muss kritisch anmerken, dass Sie ein einzigartiges Geschenk der Natur – die längste Vegetationsperiode seit Menschengedenken mit kontinuierlicher Wasserversorgung im Sommer und einen wunderschönen ‚indian summer’ – mit Füßen getreten haben. Das heißt: Im Jahrgang 2007 ist es letztendlich nicht viel anders als in allen Jahren ausgegangen: Die guten Winzer haben gute bis sehr gute Tropfen vinifiziert (sicher gibt es davon mehr als in 06), durchschnittliche oder schlechte Winzer ihrer Arbeit adäquate Weinchen. Also bitte Augen auf auch beim Weineinkauf 2007, denn nur allzu oft verbirgt sich mäßige bis mediokre Qualität hinter einem glänzenden Jahrgangsimage! Zu verkosten, welch phantastische Qualitäten jedoch die Spitzenwinzer in 2007 auf die Flasche gebracht haben, unter Bedingungen, die sie noch nie zuvor im Weinberg hatten, dazu laden wir Sie, liebe Kunden, heute und in den kommenden Wochen herzlich ein. Diese Degustationen könnten vinologische Weltbilder verändern!


Herzliche Grüße aus Saarwellingen

Tino Seiwert