Saarlouis, 21. Juli 2003

Vom Ende der Weinkultur

Unsere Neuaufnahme aus dem Kamptal, das Weingut Hirsch, brilliert mit erlesenen Weißweinen, nun bläst FALSTAFF in einem sehr emotionalen Editorial zum Kaufboykott – des Verschlusses wegen!

VINARIA und der STANDARD antworten!

Liebe Weinfreunde,

Falstaff, das österreichische Weinmagazin, in der Vergangenheit stets bemüht um die Qualität und die Reputation der österreichischen Weine, sieht das Ende der abendländischen (Wein-) Kultur nahen. Was ist passiert? Steht ein neuer Ansturm der Hunnen vor der Tür? Hannibal ante Portas? Oder wird jetzt hochwertiger Wein in Tetrapack gefüllt? „Pennerglück” für 30,- Euro?

Nichts von alledem. Kork des Anstoßes ist – der Verzicht auf selbigen! Gut, Press- und Plastikkork wird schon lange verwendet. Früher zumeist bei Billigweinen, heute immer mehr auch bei Premiumprodukten. Dies scheint den Hütern des heiligen Grals gerade noch akzeptabel. Doch jetzt geschieht das Unfassbare. Das Grauen hat einen neuen Namen: Schraubverschluss! Und der wird nicht von irgendeinem kleinen Winzer verwendet, den man geflissentlich übersehen kann, nein, ein bis dato auch von Falstaff gefeierter Heros der österreichischen Weinkultur hat diesen unfassbaren Frevel begangen: Das Weingut Hirsch. „Der Name Hirsch ist Garant für höchste österreichische Weißweinqualität”, postuliert noch der Weinguide Falstaff, Auflage 2002/3. Doch das scheint jetzt nicht mehr wichtig. In einer Form, die mich an religiöse Eiferer der katholischen Inquisition unseliger Zeiten erinnert, reiten die Autoren Hans Dibold und Dr. Helmut Romé im Editoral des Juli/Augustheftes ihre Attacke. Suggerieren, Johannes Hirsch und sein Vater, die Ihre großartigen Weine zuallererst im Weinberg entstehen lassen, seien seelenlose Weindesigner im Hightech-Keller.

Lassen wir eine seriöse Quelle zu Wort kommen: „Die Grünen Veltliner und Rieslinge von Vater Josef und Sohn Johannes Hirsch, Mitglieder in der Vereinigung der Österreichischen Traditionsweingüter, wachsen nur in den besten Lagen des Kamptals wie Heiligenstein, Gaisberg und Ried Lamm. Mehr ist eigentlich nicht zu sagen, außer vielleicht noch, dass durch gute Lagen allein noch kein guter Wein entsteht. Also wird naturnah bewirtschaftet, akribisch laubgearbeitet, konsequent ausgedünnt, mit hoher Stückzahl gepflanzt, nur ganztraubengepresst, ausschließlich mit natürlich vorkommenden Hefen vergoren und noch einiges mehr getan. Deshalb zählt das Weingut Hirsch zu den besten Weißweinproduzenten Österreichs” urteilt der Gault Millau 2003 und stuft unsere Neuaufnahme mit einigen anderen Spitzenweingütern wie Knoll, Loimer, Nigl oder Prager in die kleine Elite der österreichischen Topwinzer, übertroffen nur von F.X. Pichler und Hirtzberger.

Und ganz aktuell: Das Weingut der Familie Hirsch wurde „wegen kompromisslosem Qualitäts-Streben und Mut zu Innovationen” von www.winetimes.at gerade zu Österreichs „Weingut des Jahres 2003” gekürt!

Doch nicht genug der merkwürdigen Behauptungen der Herren Dibold und Romé: Wenn keine Argumente zur Verfügung stehen, muss die längst widerlegte Mär bemüht werden, Wein brauche zum Reifen Sauerstoffzufuhr durch den Korken. Und daraufhin der martialische Aufruf in bester Kreuzzugsmanier: Boykottiert Hirsch, denn was Kriege, Reblaus und Unwetter nicht geschafft haben, versucht ein kleines Weingut aus Kammern (übrigens nicht Langenlois, wie die Autoren behaupten, doch in Zeiten gerechter Feldzüge und heiligen Zorns sind Details wohl nicht so wichtig) aus dem Kamptal: Die Zerstörung der Weinkultur.

Ich bitte mich nicht misszuverstehen. Auch ich habe große emotionale Probleme, vom Kork Abschied zu nehmen. Und trotz aller Langzeitversuche mit alternativen Verschlüssen wie Kronkorken oder Drehverschluss, die sehr positive Ergebnisse erbrachten, will ich vom Kork (noch) nicht endgültig lassen, insbesondere die Reifung von Rotweinen mit Naturkork hat mir in der Vergangenheit sehr behagt – wenn die Flasche denn nicht verkorkt war. Doch der momentane Verseuchungsgrad mit offenem und verdeckten Kork ist so nicht mehr hinnehmbar. Zumindest solange die Korkhersteller ihre Probleme nicht lösen können, und danach sieht es im Moment nicht aus, müssen wir über Alternativen diskutieren. Falstaff hat hierzu keinen Beitrag geleistet.

In den nächsten Tagen werde ich zur Korkproblematik und zu Alternativen an gleicher Seite ausführlich Stellung beziehen.

Pinard de Picard hat sich entschlossen, den Artikel „Das Ende der Weinkultur” als wichtiges Dokument der Zeitgeschichte im folgenden im vollen Wortlaut abzudrucken, damit sich möglichst viele Weinliebhaber ein eigenes Urteil bilden können. Dazu finden Sie weiter unten einen Link zu Österreichs zweitem bedeutenden Weinmagazin VINARIA, in dem Michael Pronay eine überaus überzeugende Replik formuliert.


Herzliche Grüße aus Saarlouis

Tino Seiwert


Hier nun das vollständige Editorial aus der aktuellen Ausgabe des Falstaff:

Das Ende der Weinkultur

Die Überschrift ist bewusst gewählt. Nicht der Wein als Getränk und Genussprodukt steht vor dem Aus, aber das kulturelle Umfeld vor dem Hintergrund der sozio-kulturellen Entwicklung und im gewissen Sinne auch das, was wir bisher unter Weinqualität im weitesten Sinne des Wortes verstanden haben. Die Weinwirtschaft, nicht nur in Österreich, hat in den letzten Jahrzehnten einen technologischen Aufschwung erlebt und nicht selten sprechen die Winzer in erster Linie über die Techniken der Weinbereitungen als über das fertige Produkt selbst. Technikgläubigkeit ist vielerorts auch schon zu einer Identifizierung mit Qualität mutiert. Der Umkehrschluss ist durchaus erlaubt: Wer nicht mit der Technik geht, also noch nach traditionellen Methoden seinen Wein keltert, ist in den Augen vor allem vieler Jungwinzer nicht nur ein Technikmuffel, fasst hinterwäldlerisch, sondern auch qualitätssuspekt. Stolz werden staunenden Kellerbesuchern die modernen Maschinen der Most- und Weinkonzentration gezeigt und dort, wo man vor Jahren noch Mühe hatte, sich selbst auszudrücken, wird bereits weintechnisch parliert.
Veränderte Konsumgewohnheiten der neuen Spaß- und Lustgesellschaft haben teilweise auch einen neuen Weinstil entstehen lassen. Der Wein muss stimmig sein, reintönig – was er ja immer sein soll – fruchtig bis zum schliffigen Exzess und gefällig im Geschmack, um nicht zu sagen, nicht zu auffällig und derart im Herstellungsverfahren konzipiert, dass man nicht viel geschmacklich hinterfragen braucht.
Ein solcher Weintyp, fest verschlossen in den atmungslosen Stahltanks, braucht auch eine unkomplizierte Verpackung, ein Behältnis also, das auf die leidige Korkenfrage keine Rücksicht zu nehmen braucht. Die Korkwelt ist schon lange nicht mehr das, was sie einmal war. In oft erstaunlicher Häufigkeit verderben Korke den Wein. Die Industrie hat dabei nicht geschlafen. Schafft sie es nicht – und das tut sie offensichtlich – anständige Korke zu produzieren, dann entwickelt man korkgeschmacksichere Stöpsel – den Plastikkork eben. Junge Weine, die rasch getrunken werden oder werden sollen, stört ein solcher Kork nicht. Die meisten Jungweine werden heute mit Plastikkorken auf die Flasche abgefüllt. Und zwar auch sehr qualitative Weine.
Es war vorauszusehen. Ist der erste Schritt getan, folgt der zweite, an dem die Glasindustrie größtes Interesse zeigt. Warum den Wein nicht in Flaschen mit Schraubverschluss abfüllen? Das Korkproblem wäre für alle Zeiten gelöst. Schlimm wir es allerdings dann, wenn Premiumweine, die im Fass ausgebaut werden – auch das gibt es noch – auch mit Schraubverschlüssen versehen werden, deren Vorteile indirekt auf dem Etikett, wie beim Weingut Hirsch in Langenlois, dem Konsumenten nahe gebracht werden.
Was bedeutet das? Der Wein ist, Gott sei Dank, noch immer ein lebendiges Produkt, dass sich im Fass – nicht im Tank – und vor allem in der Flasche entwickelt. Bei Naturkork-Weinen ist eine je nach Sorte und Weintyp qualitative Entwicklung die Regel, gerade das, was angestrebt wird. Luftdicht in der Flasche eingekerkert, ohne die homöopathisch dosierte Lufteinwirkung, stirbt der Wein ab, wie eine Blume, die kein Wasser erhält.
Macht das Schule, steht die Weinkultur vor dem Ende. Kriege, Reblaus und Unwetter haben dem Wein nichts anhaben können. Wir mussten erst auf die technischen Wichtigtuer warten, damit das große unendliche Kapitel der Weinkultur endlich, nämlich für immer, geschlossen wird. Alle Weinfreunde mit einem noch letzten Funken von kulturellem Verständnis sind aufgerufen, diese Entwicklung durch Kaufboykott zu Stoppen, zunächst die Weinbaupolitik, die technischen Fehlentwicklungen lange genug zugeschaut hat, um zu verhindern, dass im Ergebnis der Schaubverschlusswein eine Weiterentwicklung der Tetrapackweine ist, deren Akzeptanzflopp beim Konsumenten offenkundig ist.

Hans Dibold Dr. Helmut Romé
Falstaff Juli/August 4.2003

Zitat Ende

P.S. I: Im Heftinnern (S. 38) wird noch einmal nachgelegt. „Schraubverschluss auf Premiumweinen .. ist radikaler Kulturverlust, ... unerträglicher Unfug ... und suggeriert ein nahes Verfallsdatum“.

P.S. II: Eine lesenswerte Replik des STANDARD zu obigem Editorial trägt den Titel „Noch ganz dicht?”, Sie finden sie hier.

P.S. III: Weitere Informationen zum Weingut Hirsch und dessen Weinen finden Sie hier.


Nachtrag: Eine weitere, überaus lesenswerte Replik zum Thema, verfasst vom renommierten österreichischen Fachautor Michael Pronay, ist unter dem Titel „Aus für den Kork?” in der Zeitschrift VINARIA erschienen, diesen Artikel finden Sie hier.