Sepp Muster - Südsteiermark

Es gibt Situationen im Leben, da wird man zu seinem Glück regelrecht gezwungen. So bei einer Reise im März letzten Jahres durch die Südsteiermark. Es war am Abend des letzten Tages einer sehr anstrengenden Verkostungstour, ich war abgespannt, aller Weine der Welt überdrüssig und wollte eigentlich nichts mehr degustieren. Selbst der malerische Sonnenuntergang über den steilen Hügeln der Südsteiermark, der ‚Toskana Österreichs’, die mit ihren verstreut liegenden idyllischen Gehöften, einladenden Buschenschanken und märchenhaften Ausblicken zu den reizvollsten Weinbauregionen Europas gehört, selbst diese wildromantische Landschaft also vermochte an jenem Abend meine Stimmung nur unwesentlich zu erhellen.
 

[Alte steirische Reberziehung bei Muster]
Alte steirische Reberziehung bei Muster


Dem zutiefst empfundenen Verlangen nach Ruhe im Hotel stand ein österreichischer Weinkenner par excellence im Wege, ein sympathischer Musikprofessor aus Graz, der mich in der Südsteiermark zu den Winzern begleitete. Er wollte mir in Leutschach „seine große Entdeckung, das hoffnungsvollste Talent in der österreichischen Winzerszene” vorstellen. Selbst diese mich normalerweise elektrisierenden Worte eines zwar begeisterungsfähigen, aber klar analytisch denkenden Weinfreundes lösten an diesem Abend in mir keine Begeisterung aus; nur aus Höflichkeit ihm und dem wartenden Winzer gegenüber nahm ich den terminierten Weinbergsbesuch wahr.

„Diese alte steirische Reberziehung hat viele Nachteile, wird daher heute kaum noch angewandt. Die Kunst ist es jedoch, deren Nachteile in Grenzen zu halten und die Vorteile zu nutzen.” Gelassen reagierte Sepp Muster auf meinen verwunderten und wohl nicht gerade sehr geistreichen Gesichtsausdruck, als er mir seine unmittelbar um seinen Hof in über 450 m Höhe gelegenen, steilen, sonnenverwöhnten Parzellen präsentierte.
Es war diese Ruhe und Unaufgeregtheit in seiner Stimme, das gar nicht „um alles in der Welt überzeugen müssende Anpreisen” der von ihm angewandten, zwar traditionellen, aber mittlerweile vollkommen aus der Mode gekommenen Anbaumethode, die mich erstmals aufhorchen und aufmerksam werden ließ. Bei dieser so genannten Umkehrerziehung wachsen die Blätter der Reben in luftiger, „kühler” Höhe über dem Boden und die infolge ihres Eigengewichts herunter hängenden Triebe verleihen aufgrund des Saftstaus den sehr reifen Trauben eine anders geartete Fruchtigkeit und prägnantere Säurestruktur als üblich.
 

[Abendstimmung Muster]
Abendstimmung in den Rieden von Sepp Muster


Es war der Anfang eines denkwürdigen Abends, Musters Philosophie der Weinbereitung im Weinberg wie im Keller, seine menschliche Ausstrahlung und die Verkostung seiner denkwürdigen Weinunikate verscheuchten im Nu alle Müdigkeit, mein Jagdinstinkt war erwacht und ein Bett sollte ich in dieser Nacht noch lange nicht sehen.

Obwohl wir uns noch am selben Abend handelseinig wurden, eigentlich ein Bruch des ehernen Prinzips von Pinard de Picard, in Ruhe alle Weine zu Hause nachzuverkosten und sich nicht von der Stimmung des Augenblicks mitreißen zu lassen, war ich mittlerweile insgesamt dreimal vor Ort, um zu genießen und zu begreifen, worin das Geheimnis dieser einzigartigen, charaktervollen Weine liegt, die sich so fundamental von allen anderen Weinen der Region unterscheiden.

Wenn Sie diese Weine einmal selbst probiert haben, werden, da bin ich mir sicher, auch Sie ohne Worte verstehen. Vielleicht wird es Ihnen dann so ähnlich ergehen wie mir an zwei Abenden Wochen später, als ich bei weiteren Besuchen bei der so sympathischen Familie Muster in mein wunderschön auf einem Hügel gelegenes und auch wegen seines Restaurants sehr empfehlenswertes Hotel zurückgekehrt war. Der engagierte Patron, ein Botschafter für die Weine seiner Region, mit einer einzigartigen Weinkarte der Gewächse der Steiermark, wollte mir allabendlich nur Gutes tun, damit ich in Deutschland die Gewächse seiner Heimat in gebührender Form würdigen konnte und schenkte mir glasweise seine besten Weine aus – doch ich blieb seltsam unberührt, ja sperrte mich innerlich gegen diese hoch gerühmten Sauvignons wie Morillons, dem steirischen Terminus für Chardonnay. Was war geschehen?

Wer Musters polarisierende Weine einmal im Glase hatte, wird ähnlich wie ich fasziniert sein von der vibrierenden Lebendigkeit, die diese Terroirweine erster Güte besitzen und gegen die technisch cleane Weine einfach müde und fad schmecken. Um nun zu verstehen, warum Sepp Musters Weine so anders sind, möchte ich gerne ein wenig aus seiner Biographie erzählen.
 

[Blick vom Sgaminegg]
Blick vom Sgaminegg


Bereits Anfang der 90er Jahre galt er nach nur vier selbst vinifizierten Jahrgängen als Jungwinzer mit großer Zukunft. Im Fußball würde man von einem Jahrhunderttalent sprechen. Noch heute schwärmen kundige Weinliebhaber, die jemals das Vergnügen hatten, seinen 92er Morillon Sgaminegg genießen zu können, mit leuchtenden Augen von diesem Wein als großem Konkurrent bester und wesentlich teurerer Chardonnays aus dem Burgund. Doch urplötzlich wurde es still um Muster. Ein unverschuldeter schwerer Verkehrsunfall, der monatelange Rehabilitationsmaßnahmen nach sich zog und ein Zerwürfnis mit seinem Vater, damals noch Besitzer des Weingutes, ließen ihn seine Winzerlaufbahn beenden, ehe sie noch richtig begonnen hatte.
Eine vorübergehende Hinwendung zur IT-Branche, der völlige Verzicht auf den Genuss von Alkohol und eine längere Sinnsuche im Leben prägten die nächsten Jahre dieses sehr sensiblen und einfühlsamen Menschen. Ausgerechnet in Indien, wohin es Sepp mit seiner Frau Maria für einige Zeit verschlagen hatte, machte er neben spirituellen Erfahrungen die Bekanntschaft eines kenntnisreichen neuseeländischen Farmers, der ihn mit den Grundsätzen der Biodynamie vertraut machte. Und da fing es urplötzlich an wieder zu lodern, das alte Feuer: Die Leidenschaft zum großen Wein war wieder da!

Zurück in Österreich besuchte er seinen alten Freund und Weggefährten aus gemeinsamen Studientagen an der Weinbauschule, ‚unseren’ Winzer Gernot Heinrich, der sich inzwischen zu einem der besten Rotweinproduzenten Österreichs entwickelt hatte. Ihm wurde bewusst, dass der Weinvirus in ihm all die Jahre überlebt hatte: Die alte Sehnsucht, große Weine zu produzieren, ließ ihn nach der Aussöhnung mit seinem Vater ins elterliche Gut zurückkehren – doch unter ganz anderen Vorzeichen als fast ein Jahrzehnt zuvor.
 

[Sepp Muster]
Sepp Muster


Die „neuen” Weine des Individualisten Sepp Muster sind – jeder für sich – einmalige Kunstwerke, die in Stil und Geschmack in Nichts mit den üblichen, in hochmodernen, futuristisch anmutenden Kelleranlagen technisch perfekt vinifizierten, frisch-fruchtigen, zumeist von Primäraromen geprägten Sauvignons und Chardonnays zwar steirischer Provenienz, aber internationaler Stilistik zu vergleichen sind. Musters Weine sind faszinierende Unikate, Terroirweine erster Güte, mit viel Gefühl vinifiziert – naturbelassen, ungeschliffen, daher urwüchsig im Geschmack und polarisierend, wahrlich nicht „everybodys darling”.
Faszinierend komplex im Duft, herrlich mineralisch, fordernd in ihrem singulären Charakter, dicht, konzentriert und finessenreich zugleich. Der Stil ist traditionell und orientiert sich an alt bewährten Methoden, interpretiert sie jedoch auf neue Weise. Stets jedoch typisch und unverwechselbar in ihrem Terroircharakter, der den einzelnen Lagen über Jahrgänge hinweg ihr markantes Profil und ihre Einzigartigkeit am Weltweinmarkt verleiht.

Musters Weine sind vitale, vibrierende Geschöpfe, wie Mutter Natur sie schuf. „Meine Weine leben”, bringt Sepp Muster seine Philosophie auf den Punkt. Die Grundlage hierzu findet sich in den steilen, sehr steinigen, kesselartigen Weingärten mit ihren Kalk-Mergelböden (dazu mannigfache, sehr heterogene Einschübe anderer Bodenarten), die vollkommen naturbelassen sind, wo auf jeglichen Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden und Herbiziden verzichtet wird und die ausschließlich nach biologisch-dynamischen Gesichtspunkten bearbeitet werden.
Die möglichst ungestört wachsenden Reben fühlen sich auf den „lebenden Böden” voller Mikroorganismen (man vermeint auf einem Teppich zu gehen), auf denen sie bestens gedeihen, augenscheinlich äußerst wohl. Dabei geht Sepp Muster in seinem Biotop, „einem Kreislauf des Lebens”, alles andere als ideologisch vor:
„Biodynamie ist nicht alles, sondern nur ein kleiner Bestandteil meines Arbeitens; es ist ein ganzes Puzzle von wohl überlegten Maßnahmen nötig, um große Weine zu erzielen”, weiß er nur zu genau um das Credo der großen Weinmacher der Welt. Das reich mit natürlichen Aroma- und Mineralstoffen ausgestattete, sehr kleinbeerige Traubenmaterial (wenig Saft, viel Aromastoffe durch hohen Anteil der Traubenhaut) bringt Muster behutsam in den Keller, wo er den Charakter der einzelnen Lagen sensibel („Weinwerdung ist wie eine Geburt und sollte so sanft wie möglich geschehen”) in entsprechende Weine umsetzt, daher kaum technische Hilfsmittel, aber um so mehr Fingerspitzengefühl einsetzt, viel mit Schwerkraft arbeitet und der Natur weitgehend freien Lauf lässt: Muster arbeitet grundsätzlich mit natürlichen Hefen aus den eigenen Weingärten, als einer der wenigen Winzer der Südsteiermark. Das bedeutet, dass den Weinen keine uniforme Vergärung aufgezwungen wird, sondern dass sie – abhängig von ihrer naturgegebenen Veranlagung – nach bewusstem Maischekontakt bei nicht zu kühlen Temperaturen langsam vergären und dabei ganz unterschiedliche Aromen entwickeln.

Dieser bewusst oxidative, extrem schonende und lange Ausbau auf der Feinhefe macht die Weine auf der Flasche ungewohnt reduktiv. Sie benötigen daher viel Sauerstoff nach dem Öffnen und werden am besten dekantiert. Das Ergebnis von so viel Sorgfalt und sensiblem Schaffen in Weinberg und Keller sind Weine, die nicht dem steirischen Klischee entsprechen, sondern eine Herausforderung für anspruchsvolle Kenner sind. „Die Natur ist lebendig und verändert sich ständig. Meine Weine sollen Spiegelbild dessen sein, und bei jedem Schluck neue Duft- und Geschmackserlebnisse anbieten”, so Muster.
Seine Weine sind wunderbar harmonisch und bekömmlich, überzeugen mit enormer Länge und Tiefe, sind aber aufgrund bewusst dezenter Fruchtaromatik, einer raren Feinheit wie Finesse und nicht zuletzt, weil sie einfach Zeit zu ihrer Entwicklung brauchen, alles andere als die geborenen Verkostungssieger oder Punktedarlings.

Sepp Muster und seine im besten Wortsinne handwerklich hergestellten Gewächse sind ein Glücksfall für unser Programm authentischer, terroirgeprägter Weine. Wir freuen uns ungemein auf eine spannende Zusammenarbeit in den nächsten Jahren!

Zu den Jahrgängen:
Die Weine des Jahrgangs 2003 präsentieren sich aufgrund des heißen Sommers mit großer Fülle, lebhafter Fruchtigkeit und einer ‚warmen’, höchst animierenden Stilistik. Die Trauben waren sehr reif, die kühlen Nächte und die aufgrund der Reberziehung ungewöhnliche Höhe der Trauben über den aufgeheizten Böden sorgten für eine optimale Aromenbildung in der Traubenhaut und für viel Komplexität im fertigen Wein. Die Lagenweine reifen zurzeit noch auf ihrem Feinhefelager im großen und kleinen Holz und werden erst im Frühjahr 05 auf die Flasche gefüllt. Im Gegensatz zu diesem Jahrgang wirken die 2002er feiner, eleganter, mineralischer und beginnen sich langsam zu öffnen und können sich dennoch über 10 und mehr Jahre weiter entwickeln; ihre kühle, mineralische Note verleiht ihnen eine animierende Frische und hohe Trinkfreudigkeit.

Zu den Weinen

Pinard de Picard GmbH & Co. KG
Erlesene Weine, Spirituosen & Feinkost
Alfred Nobel Allee 28
66793 Saarwellingen / Campus Nobel
Deutschland

☏ 06838/97950-0
Fax: 06838/97950-30
info@pinard.de


Öffnungszeiten & Verkostungsmöglichkeiten

Anfahrt
Ihre Vorteile bei uns Zu unserer Firmenphilosophie
Zahlungsarten
Versand
Unsere Angebote Service & Unternehmen