Saarlouis, 10. Oktober 2002

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Spektakuläre trockene Rieslinge aus Rheinhessen, unsere Entdeckung des Jahres:

Dirk Würtz

„Es gibt keine Zwischenstufe zwischen Qualität und Nichtqualität”. Dirk Würtz, sechs Jahre lang, von 1996 bis 2001, Kellermeister bei Weil, einem der renommiertesten deutschen Weingüter, nimmt kein Blatt vor den Mund. Erfrischend unangepasst formuliert dieser eigenwillige, kluge Kopf, ein engagierter Querdenker, der genau weiß, was er will, seine Ansichten zur deutschen Weinszene.
Der studierte Betriebswirt, Politologe und Philologe, ein klassischer Quereinsteiger also, der schon sein ganzes Leben lang nichts anderes als ein „Bauer” werden wollte, geht unbeirrbar seinen eigenen Weg, eckt an: „Der VDP ist der Totengräber der deutschen Weinkultur”. Mit solch dezidierten Urteilen zu (Fehl)entwicklungen im deutschen Weinbau schafft sich Dirk wahrlich nicht nur Freunde. Ein Winzer mit Ecken und Kanten, wie seine Rieslinge, voller Charakter und Authentizität eben.

Seine Weinberge liegen im rheinhessischen Rebenmeer, ausgerechnet in demjenigen deutschen Anbaugebiet, dessen Ruf, seines optimalen Klimas und Terroirs zum Trotz, Liebfrauenmilch sei „Dank“, bei Weinliebhabern vollkommen ruiniert schien, nur vergleichbar mit den österreichischen Weinen nach dem Glykolskandal.
Doch großartige Winzer wie Keller, Wittmann und jetzt Dirk Würtz bescheren dieser gebeutelten Region eine ungeheure Renaissance. Dirks Weinberge werden biologisch bewirtschaftet (für Dirk unumgängliche Voraussetzung, um extraktreiche, aromatische Weine zu gewinnen), die dicht bepflanzten Rebreihen von einem befreundeten Winzer, „einem Genie im Weinberg, einem wirklichen Landarbeiter”, penibelst bearbeitet, auch von Vertragswinzern, die strikt nach seinen strengen Vorgaben arbeiten müssen. „Ich selbst verstehe ja nichts von Weinbergsarbeit, ich bin nur der Kellermeister”, stellt Dirk seine großartigen Fähigkeiten bescheiden unter den Scheffel.
Er besitzt nur 6 ha Weinberge, er will sich auch nicht vergrößern (Ausnahme: 14 Ar bester Lage im Petersberg, großartige Terrassenlage, wird zur Zeit renoviert und neu angepflanzt), sondern ein „Garagenwinzer” bleiben, aber mit den Trauben aus diesen exzellenten Weinbergen spektakuläre Qualitäten erzeugen. Seine beiden Rieslinge besitzen einen völlig eigenen Charakters. „Love it or leave it”, man wird diesen Weinen entweder begeistert zustimmen (beim Basisriesling wohl jeder Liebhaber pointierter Rieslinge), oder sie kontrovers beurteilen, so den Spitzenriesling.

Dirks Devise für den Keller klingt provokativ: „Kontrolliertes Nichtstun”. Das kostet viele schlaflose Nächte, beinhaltet notwendige Arbeiten nur mit Hilfe der Schwerkraft und so gut wie keine Filtration. Er will keine Lagennamen auf dem Etikett (und was hat er für eine spezielle, großartige Lage, eine der besten in Rheinhessen überhaupt: „Geyerscheiß”), Dirk ist eben ein Freund des Bordelaiser Prinzips statt des Burgundischen und stellt das Weingut in den Mittelpunkt, nicht die Lage.
Erst wenn die Weine im Fass fertig sind, entscheidet Dirk, ausschließlich aufgrund sensorischer Proben, welcher Riesling unter welchem Namen vermarktet wird, Mostgewicht und andere Parameter interessieren ihn dabei überhaupt nicht. Diesen spektakulären Jungfernjahrgang 2001 (zwei nicht unter eigenem Label verkaufte Probeläufe gab es jedoch) eines wirklich begnadeten und dazu erfrischend unangepassten Winzers kann ich nur wärmstens empfehlen. Manfred Loch vom Weinhof Herrenberg und jetzt Dirk Würtz: Bei solch begnadeten Jungwinzern ist mir um die Renaissance großer deutscher Rieslinge nicht bange. Dirk Würtz: das ist schlicht handwerkliches High-End aus Rheinhessen in Perfektion!


950101 Würtz-Maas II Riesling 2001, trocken, 8,80 Euro
Der Basisriesling, zur Hälfte spontan vergoren, sehr harmonisch und frisch. Kein billiges Weinchen, das durch gefällige Primäraromen zu schmeicheln versucht, stattdessen ein sehr komplexes Aromenspektrum (Quitten, Äpfel Kiwis, Zitrus), ein herausragender Wein, der bereits heute nach mehrstündigem Dekantieren hervorragend schmeckt, der aber als typischer Langstreckenläufer in naher Zukunft brillieren wird. Ca. 12.000 Flaschen wurden gefüllt, wenigstens 90-92 Punkte, tolles Preis-Genussverhältnis.

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950201 Würtz I, „Geyerscheiß“, Riesling 2001, trocken, 28,00 Euro
Noch im Sommer diesen Jahres wurde immer wieder die Hefe aufgerührt, der Wein ist gerade dabei, sich zu finden, wird erst im Dezember freigegeben, ganze 1.400 Flaschen für 28 Euro, jeden, aber auch jeden Cent wert, dabei eine geschmackliche Herausforderung, ein Wein, der polarisiert, das exakte Gegenteil eines Schmeichlers.
14,5% Alkohol, aber perfekt eingebunden, unter 2g Restzucker, alle Trauben kommen aus der großartigen Lage „Geyerscheiß”, Ertrag unter 14 hl/ha. Die Mineralität scheint schier aus dem Glas zu springen, im Glase selbst ein „monströser” zuckerfreier Extrakt, enorm komplex, dicht, tief, hoher Druck am Gaumen, auch viel Eleganz und Finesse, glycerinreich, enorm langer Nachhall, minutenlang, der Wein braucht Minimum 3 Jahre Zeit, um zu zeigen, was in ihm steckt. Klassestoff! Ein großer Wein für Rieslingfreaks, Terroir pur! (Dirk spricht übrigens von „Heimatweinen“ statt „Terroirweinen“) 93-94 Punkte, mindestens.

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